Hallo!

Wie wird Ton verarbeitet?

Ich will euch jetzt erzählen, was ich alles erlebt habe, bevor ich eine Vase wurde.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit einem Lastwagen fuhr. Ich und viele andere Tonklümpchen um mich herum lagen auf der Ladefläche des LKWs. Wohin wir gebracht wurden, wusste ich nicht. Aber ich dachte mir: „Das werde ich schon noch erfahren!“

Wir fuhren ganz schön weit. Es war total öde. Wie gerufen, kam Leben in die Bude bzw. den Laster, denn er stoppte plötzlich. Wir purzelten kreuz und quer. Dabei habe ich mir einige blaue Flecken geholt. Einige meiner Mitreisenden schrieen wie am Spieß. Auf die Frage was denn los sei, wusste selbst Cordula von Ton keine Antwort.

Ich hörte einen Mann sagen: „Oh, der Reifen ist platt!“ Nach einiger Zeit hörten wir, wie zwei Männer miteinander redeten. Ich bekam nur Wortfetzen mit: „...Platten... ...noch 215 Kilometer... ...Verladen... ...ist gut, Harry... ...Plan...“ Ehrlich gesagt (aber sagt es nicht weiter), ich verstand nix, null, nur Bahnhof. Dann wurde die Ladeklappe aufgerissen und wir kullerten auf die Straße. Ich lag natürlich wieder ganz unten und langsam wurde die Luft knapp. Endlich wurden wir mit einem Schaufellader auf einen zweiten LKW verladen. Dabei flogen wir wild durch die Gegend. Das war ein Gedrücke!

Auf einmal hörte ich die Fahrertür knallen und nun ging es weiter. Es dauerte eine ganze Weile, bis der LKW in einer riesigen Halle stoppte.

Dort wurden wir alle abgeladen, wobei mir ganz schwindelig wurde, denn wir wurden wieder wild durch die Gegend geworfen. Es war ziemlich kühl in der Halle.

Erst nach drei Tagen passierte etwas. Jetzt ging alles sehr schnell. Denn plötzlich wurde ich mit vielen anderen Tonklümpchen ganz dicht aneinander gedrückt und vor meiner Nase war eine durchsichtige Folie.

Dann geschah nicht mehr viel. Ich lag viele Woche in in einem Geschäft. Rechts und links neben mir lagen Blöcke aus Ton, die wie wir in Folie eingeschweißt waren.

Eines Tages wurde der Tonblock mit mir drin verkauft. Ein Mann trug mich in einen Raum. Er machte die Folie ab und knetete mich kräftig durch. Danach legte er mich und die anderen Tonklümpchen auf eine Töpferscheibe und formte, wie ich später erfuhr, eine Vase aus meinem Tonblock. Von der vielen Dreherei wurde mir ganz schlecht.
Bevor die Sache brenzlig wurde, musste unsere Vase ein bisschen trocknen. Der Mann ritzte noch ein Muster ein.
Dann stellte er die Vase zu vielen anderen in den Brennofen für den Vor- oder Schürbrand (Rohbrand). Der Ofen wurde auf 1200 Grad erhitzt, so dass ich mit allen anderen Teilchen untereinander verklebte und unsere Vase luft- und wasserundurchlässig wurde. Man sagt zu diesem Vorgang auch, der Ton sinntert. Hätte der Mann unsere Vasen bei nur 1000 Grad gebrannt, wären sie noch luft- und wasserdurchlässig und porös.

Luftgetrockneter Ton kann jederzeit zerstoßen und mit Wasser wieder plastisch verformbar gemacht werden. So, jetzt bin ich also gebrannt. War ganz schön heiß! Nun glasierte oder engobierte der Mann mich. Danach musste ich noch einmal in den Ofen für den Glatt- oder Glasurbrand. Dafür musste ich auf einen Dreifuß gestellt werden, weil die Glasur klebrig wurde und möglichst wenig berührt werden sollte.

Als ich ganz fertig war, brachte der Mann mich in ein Tonmuseum.

Auf dem Bild könnt ihr mich sehen, die schwarzbunte Vase in der Bildmitte, das bin ich.

Von April bis Mai 1997 habe ich sogar im Kunstmuseum in Bonn gestanden. Dort habe ich mich in die Ausstellung „KonsUmwelt im Wandel – 100 Jahre Alltagsgeschichte“ ganz gut eingefügt, da ich schon über 50 Jahre in einer Vase bin.


Vase im Museum Bonn. Übersichtsbild fehlt derzeit.

Im Museum erfuhr ich alle diese Sachen, welche ich euch eben erzählt habe. Unter Anderem weiß ich jetzt, was aus Ton so alles gemacht wird, zum Beispiel Kacheln für das Badezimmer, Ziegel- oder Klinkersteine zum Hausbau oder Tonkrüge, Vasen und noch vieles mehr. Sogar in der Raumfahrt wird Ton benötigt für die Hitzeschilde der Raumfähren. Und in der Medizin werden aus Ton Hüftgelenke hergestellt.

Übrigens:
Noch ehe die Töpferscheibe erfunden war, haben Menschen aus erdigem Material Gefäße mit der Hand geformt. Die dabei entwickelten Verfahren sind immer noch aktuell!